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✨ Stimmungen des Seins - Gruppenbildung

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★ Ronald:
Gruppenbildung
Fall Sie nicht gerade in einer Höhle unter dem ewigen er Eis des Nordpols hausen, werden Sie den Kontakt zu andern Leuten wohl kaum ausschließen können. Ob Sie wollen oder nicht, man wird Sie nötigen, sich dieser oder jener Gruppe anzuschließen. Man wird Sie um Spenden bitten. Man wird Sie um Ihre Mitgliedschaft in Vereinen, Clubs, Sekten und Parteien ersuchen. Heutzutage ist diese Grüppchenbildung stärker denn je. Nur wenige von uns sehen sich vor ein Problem gestellt, mit dem ein reicher Junggeselle zu schaffen hat, und das mir neulich zu Ohren kam: Er wollte sein Vermögen nach seinem Tod einer wirklich lohnenswerten Sache stiften, war jedoch außerstande, eine solche zu finden. Freilich ist das Dilemma dieses Mannes verständlich. Wir leben in einer Gesellschaft, die sich mit geradezu rasender Geschwindigkeit verändert. Mehr als jemals zuvor brauchen wir Richtlinien, um bestimmen zu können, welche unserer sich ständig verschiebenden Werte gesund sind und welche sich möglicherweise als selbstmörderisch auswirken können. Tag für Tag werden uns die Ohren mit abgedroschenen Plattitüden vollgeschrieen. Wir bedürfen eines verlässlichen Urteilsvermögens, so dass wir die überlieferten Wertvorstellungen, die noch brauchbar sind, ebenso einschätzen können wie die neuen Maßstäbe des Raketenzeitalters, um die sich kein Bogen schlagen lässt. Vielleicht geben Ihnen diese fünf Punkte Hinweise auf die Nützlichkeit einer Vereinigung, der Sie eventuell beitreten wollen:
1. Welches Ziel hat diese Gruppe?
2. Auf welche Art und Weise will sie dieses Ziel erreichen?
3. Wer führt die Gruppe?
4. Was tut sie wirklich?
5. Was hat sie bis heute erreicht?
Das Ziel Natürlich haben nicht alle Mitglieder einer Vereinigung dasselbe Niveau. Dennoch lässt sich das fixierte (oder nicht fixierte) Ziel auf einer Stufe der Skala einordnen. Ein Mensch mit hohem Emotionsniveau wendet sich beispielsweise gegen alle Bestrebungen, die auf das Zerstören ausgerichtet sind. (Das Gegenteil: Jene, die alles in den Kot zerren wollen.) Er wird sich folglich an allen Maßnahmen beteiligen, die der Rehabilitation, dem wahren Fortschritt, der Erziehung dienen. Möglich, dass er nur einfach fröhlich sein will im Kreise Gleichgesinnter. Wer „ganz oben“ ist, macht sich Gedanken über die Zukunft. Die Wiederbelebung der Vergangenheit und die Konservierung der Gegenwart beschäftigen ihn weniger intensiv. Viele Clubs wurden nur zum Vergnügen der Mitglieder ins Leben gerufen (man denke an Leute, die Skat spielen, Volkstänze pflegen oder ähnliches). Andere hingegen fordern die Vertiefung familiärer Beziehungen und die Pflege überlieferten Brauchtums (Eltern und LehrerVerbande, Vereine für Denkmalspflege). Wiederum andere Organisationen sind von Nutzen für einzelne Berufssparten (Gewerkschaften, ethnische Gruppen, Wohltätigkeitsvereine, staatliche Verbände, politische Parteien). Manche Gruppen tun sich zusammen, um etwas für die Wohlfahrt der Menschheit zu unternehmen (Familienplanung, medizinische Forschung etc.). Andere interessieren sich für das Leben der Pflanzen und Tiere (Konservatoren, Tierschutzvereine), Einige versuchen, die Erde und also die Menschheit vor der Selbstvernichtung zu bewahren (Friedensbewegungen, Umweltschützer, die „Vereinten Nationen“). Wieder andere Organisationen setzen sich mehr oder Hab weniger ernsthaft mit dem Fremdartigen und Unerforschten auseinander (Astrologie, Spiritisten, „Ufo“Spezialisten). Und schließlich gibt es noch Gruppen, die sich für die Verständigung aller Menschen und ihr Verhältnis zum Universum zusammenschließen (Glaubensgemeinschaften, philosophische Bewegungen). Eine emotionell hochstehende Gruppe mit großem Wirkungskreis ist am Fortbestand der Menschheit sowohl in materieller als auch in geistiger Hinsicht interessiert. Freilich kann der eine oder andere nebenbei auch einem Skatclub angehören. Die Wege zum Ziel Nicht selten können wir beobachten, dass ein hochgesteckter Vorsatz durch weitaus profanere Mittel erreicht werden soll. Eine militante Gruppe etwa mag behaupten, sie wolle nichts anderes als die Nation retten, während sie in Wirklichkeit Menschenleben auslöscht und Häuser dem Erd\. Boden gleichmacht. Hunderte von Wohltätigkeitsvereinen verfolgen das Ziel, Unglücklichen unter die Arme zu greifen. Sie lösen aber letzten Endes die Probleme nicht: Sie bemühen sich lediglich um die Gunst anderer. Eine derartige Hilfe ist eher schädlich als heilsam. Führereigenschaften Oft hängt die Wirkung einer Gemeinschaft einzig und allein von der Persönlichkeit des „Führers“ ab – einem kraftvollen Mann, der Charisma ausstrahlt. Es ist von größter Bedeutung, den chronischen Gefühlsbereich eines solchen Mannes richtig einzuschätzen, um zu erfahren, ob er den Bestand der Gruppe zu garantieren vermag oder nicht. Fällt die Leitung einer Person zu, die zwar Charisma besitzt, jedoch das Ganze ihren eigenen unethischen Zwecken untertan macht, dann werden alle bisherigen Bemühungen sich negativ auswirken – so positiv sie bislang auch gemeint waren. Haben Sie den Eindruck, die Führung der Gemeinschaft befinde sich in guten Händen, ohne sich dessen noch ganz sicher zu sein, dann seien Sie auch weiterhin wachsam. Wirksamkeit Ein Schwindler entlarvt sich leicht, wenn Sie ihm die Frage stellen: Was erreicht die Gruppe tatsächlich? Etwa das, was sie zu erreichen trachtet und vorgibt? Falls diese Frage bejaht werden kann, ist alles in Ordnung. Es kommt indessen immer wieder vor, dass eine Gemeinschaft zwar die besten Vorsätze hat, nach den löblichsten Zielen strebt, überzeugend geführt wird, aber trotz allem ein Manko aufweist: Stehen die Aktivitäten wirklich auf hohem Niveau? Wenn wir diese Frage ernsthaft untersuchen, werden wir bald dahinter kommen, dass Herr Y., ein zungenfertiger "Apathie"er, der die „Gesellschaft zur Rettung der Unterdrückten und Verlassenen“ leitet, ein Scharlatan ist. Lüften wir nämlich den Schleier ein wenig, der diese pompöse Gesellschaft verbirgt, dann erkennen wir rasch, dass die Unterdrückten noch immer unterdrückt und die Verlassenen nach wie vor verlassen sind. Herr Y. allerdings braust in einem schicken Ferrari durch die Lande und feiert in seiner Villa mit zwanzig Zimmern rauschende Feste. Und dies alles ohne ein anderes Einkommen. Was wurde erreicht? Erreicht eine Gemeinschaft ihr Ziel, indem sie mehr aufbaut als zerstört? Anfangs trugen die Gewerkschaften viel dazu bei, einen finanziellen Ausgleich zwischen skrupellosen Industriellen und ausgepowerten Arbeitern zu schaffen. Heutzutage freilich schwingt das Pendel zuweilen in die andere Richtung. Vor einiger Zeit rief die U.A.W. (Gewerkschaft der Arbeiter in der Automobilindustrie) zu einem zeitlich ungünstigen Streik auf, der die bereits mit Schwierigkeiten kämpfende Wirtschaft der Vereinigten Staaten noch stärker lähmte. Die Gewerkschaft erzielte für alle ihre Mitglieder eine jährliche Lohnsteigerung auf zwölftausend EUROs. Doch schon wenige Monate später musste sie das Management um Hilfe angehen, denn zwei Probleme türmten sich auf: Alkoholismus und Drogenmissbrauch waren nun die häufigsten Ursachen für Arbeitsausfälle am Fließband. Es ist kaum verwunderlich, dass viele Arbeiter apathisch werden, wenn sie mehr und mehr Lohn für weniger Arbeit bekommen. Wie soll ein Individuum seinen eigenen Charakter wahren, wenn seine Lohntüte dicker wird, es selber aber keine Gelegenheit findet, die entsprechende Gegenleistung zu erbringen?
Die ideale Gemeinschaft
Nur Menschen auf hohem Emotionsniveau sind imstande, weitgesteckte Ziele zu erreichen, echte Lösungen zu finden, positiv zu wirken. Selbstverständlich soll hier nicht der Versuch unternommen werden, diese oder jene Gruppen und Verbände zu analysieren. Anhand einiger Erläuterungen wird es Ihnen jedoch leichter möglich sein, den „FünfPunkteTest“ zu Ihrem eigenen Nutzen anzuwenden. Wohltätigkeitsvereine Viele Universitäten, medizinische Forschungsinstitute, Glaubensgemeinschaften und Vereine sind – zum Teil wenigstens – auf die finanzielle Unterstützung der Öffentlichkeit angewiesen. In einem fort werden wir mit Spendengesuchen für alle möglichen Zwecke bombardiert. Dadurch sieht sich mancher geradezu auf die Stufe der „Gunstbemühung“ genötigt. Wollte ich jeder Organisation, die mich um meine Mithilfe bittet, auch nur eine geringe Spende geben, dann würde ich selber bald auf die mildtätigen Gaben meiner Mitmenschen angewiesen sein. Daraus habe ich meine Lehre gezogen: Ehe ich mich zum Griff ins Portemonnaie überreden lasse, richte ich mich nach dem „FünfPunkteSystem“. (Leicht abgeändert können diese Punkte auch auf jeden beliebigen Menschen angewandt werden, den Sie finanziell unterstützen.) Spricht mich eine wohltätige Gesellschaft an, die an mein „gutes Herz“ appelliert, den Bedürftigen aber nicht wirklich hilft, dann wehre ich mich entschieden gegen diese Bettelei. Drogenentzug Fast zahllos sind die Gruppen, die den Drogenmissbrauch einzudämmen versuchen. Während die meisten so gut wie gar keine Wirkung erzielen, ist die Tätigkeit anderer segensreich. Vor nicht allzu langer Zeit unterstützte die amerikanische Regierung vier solcher Programme, die – einem späteren Bericht zufolge – „gänzlich fehlschlugen“ Angeblich scheiterte das Unternehmen, weil die Leiter dieser Gruppen sofortige Abstinenz verlangten. Die jungen Leute indessen, die sich an diesem Hilfsprogramm beteiligten, sahen durchaus nicht jede Droge als schädlich an. Da es in dieser wesentlichen Frage zu keiner Übereinstimmung kam, war es um die Resultate verständlicherweise kläglich bestellt. Hingegen wurde vor Jahren im Staatsgefängnis von Arizona eines der erfolgreichsten Entzugsverfahren organisiert. Das Programm (unter der Bezeichnung „Narconon“ bekannt geworden) wurde von einem Mann ausgearbeitet, der neunzehn Jahre lang heroinsüchtig gewesen war. Das Verfahren beruht auf Methoden, die ohne chemische Mittel auskommen. Stattdessen veranstaltet man Trainingsstunden und gemeinsame Studien. Dadurch wurde bei geringfügigem finanziellem Aufwand eine achtzigprozentige Heilung bei stark Drogensüchtigen erzielt. RehabilitationsBemühungen, die sich auf physische oder geistige Heilung beschränken, erreichen selten mehr als eine zehn bis dreizehnprozentige Heilung. Die Methoden von Narconon, derer sich mittlerweile verschiedene Gefängnisse bedienen, konzentrieren sich ausschließlich auf das Geistige und Seelische des Menschen. Das Resultat: selbstsichere Individuen, die sich oben auf der Skala befinden und ihr Leben mit neuen konstruktiven Zielen beginnen. Da nur Freiwillige an dieser Methode teilnehmen, sind die Erfolgsaussichten groß. Die Ergebnisse bestätigen die Richtigkeit des Verfahrens. Zusammenfassung Viele Gruppen erregen das Interesse von Menschen eines bestimmten Emotionsniveaus. Ein „Mitleid“Mensch schließt sich vielleicht einem Geselligkeitsverein an, obwohl er in Wahrheit gar keine besonders menschenfreundliche Gefühle hegt: Durch diesen Schritt möchte er vielmehr sein wahres Ich tarnen. Leute, die chronisch auf den Stufen „Zorn“ und „Antagonismus“ zu Hause sind, werden sogleich zur Stelle sein, wenn es irgendwo zu Protesten kommt, denn sie lieben nun einmal nichts mehr als den Krawall. Viele im „Furcht“Bereich angesiedelten Personen werden ihnen auf dem Fuße folgen, weil der Protest sie „lebendiger“ macht. Hinter den Kulissen der organisierten Gewalttätigkeiten treffen wir den listigen "Apathie"er und den verschlagenen Feindselligerer an. Neulich berichtete ein Reporter über einige im Geheimen gemachte Filmaufnahmen. Sie zeigten tumultarische Szenen auf einem Universitätskampus. Höchst interessant war, dass jene, die am lautesten nach Blut geschrieen hatten, sich klammheimlich davonmachten, als es tatsächlich zu Schlägereien kam. Sie verstanden es zwar äußerst geschickt, die Gemüter zum Kochen zu bringen. Ebenso geschickt verstanden sie es aber auch, in der Menge unterzutauchen und damit der Festnahme zu entgehen. Wenn Sie sich Ihren Umgang aussuchen wollen, dürfen Sie vor allem eines nicht vergessen: Jeder Mensch verrät seinen Empfindungsbereich durch seine Absichten, seine Ziele, seine Aktivitäten. Ebenso aufschlussreich ist die Person des Mannes, den er als „Führer“ anerkennt. Am allerwichtigsten jedoch ist das, was bei seinem Tun „herauskommt“.
Im Rampenlicht
Auch für Schauspieler, Dramatiker und Regisseure kann die Kenntnis der Skala von Nutzen sein. Eine Schauspielerin, die eine dramatische Rolle zu verkörpern hat, wird es weniger schwer haben, wenn sie alle Eigenarten der Stufe "Gram Traurigkeit" versteht, von denen viele ohne Worte übertragen werden können (Mimik, Gestik, Bewegung, zögernde Reaktion). Ein „Traurigkeits“Mensch lässt den Kopf hängen. Er starrt zu Boden. Nie gibt er schlagfertige Antwort ten. Er seufzt tief. Er ist so mit sich selbst beschäftigt, dass es ihm Mühe macht, sich für andere Leute zu interessieren. Schauspieler können etwas für sich tun, wenn sie einige Sätze nacheinander in allen Empfindungstönen aussprechen. Der Schriftsteller Viele Schriftsteller leben vom Ertrag ihrer Feder recht gut, ohne je etwas von der Emotionsskala gehört zu haben. Unbewusst bedienen sie sich jedoch dieser Methode beim genauen Beobachten und Beschreiben menschlicher Verhaltensweisen. Wenn sie über Menschen schreiben (die es entweder wirklich gibt oder deren Charakter sie ersinnen), geht ihnen die Arbeit rascher von der Hand, falls sie sich an die Skala halten. Ihre Gestalten wirken glaubwürdiger. Wäre jedem politischen Publizisten oder Historiker die Methodik der Empfindungsskala bekannt, dann käme er schneller dahinter, ob eine berühmte Persönlichkeit ein hervorragender Staatsmann oder lediglich ein machtgieriger Schurke war. Kürzlich las ich einen Artikel über einen populären, aber umstrittenen Mann. Da er ziemlich einflussreich ist, hätte ich gern etwas über sein Emotionsniveau erfahren. Leider vermochte ich ihn nirgendwo einzustufen, denn der Verfasser hatte sein eigenes Empfinden durch Unterstellungen und leicht verschleierte Kritik in den Vordergrund gerückt. So handeln oft Leute der Stufe „Versteckte Feindseligkeit“, um „Höherstehenden“ eins auszuwischen. Nachdem ich den Artikel gelesen hatte, wusste ich mehr über den Autor als über die von ihm gezeichnete Figur. Gelegentlich umkleidet ein Schriftsteller entweder aus Bewunderung oder auf Weisung des Verlegers seinen „Helden“ mit einem emotionell hohen „Mäntelchen“. Falls jedoch wörtliche Zitate gebracht werden, können Sie das wirkliche Niveau des Beschriebenen feststellen. Dadurch schlagen Sie sozusagen zwei Fliegen mit einer Klappe: Sie erfahren endlich, wie der berühmte Herr X. tatsächlich ist, und Sie erfahren obendrein, wie es um den Autor bestellt ist. Jeder spielt seine Rolle Als die ersten Höhlenbewohner ihre unbeholfenen Schriftzeichen in die Wände ritzten, wurden sie vermutlich auch schon ermahnt, sich „ihrer Rolle gemäß“ zu verhalten: Sie sollten jeden Charakter so darstellen, wie er nun einmal war. Freilich hat man ihnen wohl kaum genaue Verhaltungsrichtlinien gegeben. Denn von der Emotionsskala wusste damals sicher noch niemand etwas. Wenn Sie sich für das chronische Emotionsniveau einer erfundenen Romanfigur entschieden haben, müssen Sie es so lange beibehalten, bis die Situation ein Steigen oder Sinken rechtfertigt. Sie können die Handlungen Ihrer Gestalt vorausbestimmen: Reagiert sie bei einer Bedrohung mutig, feige, starrköpfig, oder wird sie sich in einem derart tiefen Gefühlsbereich bewegen, dass sie die Gefahr überhaupt nicht wahrnimmt? Wird sie aufrichtig sein, wenn sie in Versuchung gerät? Ist sie bei andern Leuten beliebt oder unbeliebt? Wird sie durch deren Anwesenheit aktiviert oder deprimiert? Sie können den im ganzen Dorf bekannten Säufer als einen gutmütigen Burschen oder als einen händelsüchtigen Schläger zeichnen. Wenn Sie ihn jedoch „ernüchtern“, dann sollten Sie ihn auf der Stufe „Apathie“ unterbringen, wo er mürrisch und in sich gekehrt seine Zeit vertrödelt. Die auf der Schwelle „Zorn“ ansässige Hure weist die nämlichen Charaktereigenschaften auf wie ein brutaler General. Ihre Gestalten können reich, arm, abstoßend, dumm wie Bohnenstroh, prüde, auf charmante Weise unmoralisch, höchst moralisch oder gemein bis auf die Knochen sein. Es steht Ihnen frei, sie schick oder schlampig darzustellen. Sie können einem Indianerstamm angehören oder einer New Yorker CocktailParty. Die Hauptsache ist: Ihr Emotionsniveau bleibt sich gleich. Gelingt es Ihnen, Ihre Personen anschaulich zu schildern, dann werden sie auf der Stelle von einer Dame der Gesellschaft ebenso schnell erkannt wie von einer biederen Hausfrau in Hintertupfingen. („Ach, wissen Sie, ich kenne da jemanden, der ist ganz genau so.“) Bekannte Figuren der Literatur Es ist recht unterhaltend, das Emotionsniveau bekannter Gestalten aus Literatur und Filmen zu studieren. Hier ein paar Anregungen: Dieser ausgekochte John Silver aus Robert Louis Stevensons „Schatzinsel“ war fraglos ein "Apathie"er: Hinter seiner stets freundlichen Miene verbarg er die listigsten Gaunereien. Hamlet tanzte an der Skala hinauf und hinunter. Als er indessen sein berühmtes „Sein oder Nichtsein...“ von sich gab, war er ganz gewiss im Stadium tiefsten Grams. Sein Onkel, der König, bietet ein abschreckendes Exempel des unterdrückenden "Apathie"ers: Seine abgefeimte Schurkerei brachte der Reihe nach aller Welt den Tod.
George Bernard Shaw stellt uns in seinem „Pygmalion“ einen Feindselligerer vor, und zwar in der Person des Henry Higgins. Die beherzte und freimütige Liza Dolittle hingegen befand sich meist auf der „Antagonismus“Stufe, wenngleich sie hin und wieder zu Ausbrüchen neigte, die eigentlich dem „Zorn“Menschen vorbehalten bleiben. dass der Professor Higgins ein typisch empfindungsloser Mensch ist, offenbart er in seiner absoluten Unfähigkeit, Lizas Empfindungen auch nur zu begreifen. Freilich bedient er sich gelegentlich der Überredungskünste des "Apathie"ers oder bekommt einen Wutanfall. Nachdem sich die bei den ziemlich demaskiert haben, wählt Shaw (auf glaubhafte Weise) den Mittelweg ("Wut"), um beider Beziehungen gewissermaßen zu glätten: „Beim geringsten Anlass (oder bei gar keinem) schnauzt sie ihn an... Er tobt und schikaniert und tyrannisiert...“ Jacqueline Susann schildert in ihrem Roman „Die Liebesmaschine“ einen gefühllosen Menschen: Robin Stone. Mit einigen knappen Sätzen beschreibt Thomas Berger in „Der letzte Held“ eine bei Apathie angelangte Krankenschwester: „... beleibt, unglaublich neugierig, boshaft... eine jener Personen, die ihrem moralischen Kodex so rückhaltlos frönen wie ein Trinker dem Alkohol... und ging dabei so weit, gehässige Anspielungen zu machen... Eine etwas feinfühligere Person hätte meine gemurmelten Worte als eine Äußerung des Unmuts verstanden, doch Mrs. Burr war Feinheiten gegenüber immun...“ In Mario Puzos Roman „Der Pate“ werden wir mit dem Empfindungsbereich des Verbrechens (Apathie bis "Wut") konfrontiert. Der Pate selbst ist zwar ab und zu unbarmherzig und zornig, befindet sich meist jedoch in „versteckter Feindseligkeit“. „Wir sind doch vernünftige Menschen. Also können wir uns auch auf vernünftige Weise einigen.“ Aber diese vorgetäuschte Freundlichkeit sollte die Tatsache verdecken, dass jeder, der sich ihm nicht fügte, kaltgemacht wurde. Seine mehrfach gezeigten Gefühle, seine Sentimentalitäten und seine Anwandlungen von Güte hatten nur einen Zweck: Wie alle "Feindselliger"er wollte er über die andern herrschen. Ungeachtet seiner offensichtlichen Liebe zur Familie, waren seine Angehörigen ständig durch sein Unterweltstreiben Gefahren ausgesetzt. Diese übertriebene IchBezogenheit des "Apathie"ers verlangt „unbedingten Gehorsam“. In einem fort glaubt er seine „Ehre“ verteidigen zu müssen, während er sich seinerseits allerlei Verrätereien erlaubt. Die Intensität Ein guter Autor wird auch die Intensität des jeweiligen Emotionsniveaus betonen. Er lässt einige Figuren in den Vordergrund treten, während er andere in den Kulissen zurückhält. Er lauscht das wirkliche Leben ab. Vielleicht zeichnet er einen "Apathie"er, der amüsant und liebenswürdig ist und den die Frauen verwöhnen. Im Allgemeinen muss man ihm verzeihen. Dennoch ist er im Grunde seines Wesens unzuverlässig, unaufrichtig, unethisch. Manche seiner Späßchen liegen hart an der Grenze. Nicht immer hält er sich an Absprachen, und auch seine Ausdauer ist nicht die beste. Er besitzt alle charakteristischen Eigenschaften des "Apathie"ers, aber dank seines Charmes wird er in der Gesellschaft akzeptiert (nur darf man nicht zu sehr auf ihn angewiesen sein). So sieht der Mensch am unteren Ende der Stufe Apathie aus: Seine Intensität ist gering. Andererseits begegnen wir im Roman und im Leben häufig auch dem "Apathie"er, der „ganz da“ ist: Seine Intensität kann böse Folgen haben. Er trägt nämlich zwar noch immer sein gekünsteltes Lächeln zur Schau, ist im Geheimen jedoch derart dem Destruktiven verfallen, dass er allerorten Unheil stiftet. Diese beiden "Apathie"erTypen unterscheiden sich lediglich durch ihre Intensität. Ein „Apathie“Mensch kann so gut wie nie in Erscheinung treten. Ein zweiter indessen hockt vielleicht trübsinnig in der Ecke und schweigt sich aus. Obwohl er kein Wort von sich gibt, lähmt er alle, die mit ihm in Berührung kommen, durch seine absolute Hoffnungslosigkeit. Realistik und Romantik Seit einigen Jahren werden wir durch eine ganz spezielle Art von „Realismus“ beglückt. Die Anhänger dieser Denkweise halten das Leben und die Welt für einen riesigen Dreckeimer. Sie behaupten, dass sie die Dinge so sähen, wie sie halt seien. Also führen sie uns geradezu genüsslich alles Hässliche vor Augen: Trunksucht, Arglist, Süchte, Prostitution, Verbrechen, Verderbtheiten, Mord, Elend, Jammer in jedweder Form. Ein wirklich realistischer Mensch weist indessen nicht bloß auf den Dreck hin, sondern macht auch auf die Rosen im Garten aufmerksam. Natürlich werden sich stets Leute finden, die den Erzeugnissen eines Schriftstellers Beifall spenden – gleichviel, auf welchem Emotionsniveau er angesiedelt ist. Der Glaube an die „Unverwundbarkeit“ solcher beliebten Gestalten wie Sherlock Holmes oder James Bond bereitet vielen Menschen nun einmal Vergnügen. Solange sie von deren Heldentaten lesen, sind sie dem tatsächlichen Leben entrückt und wähnen sich selbst für „unbesiegbar“. Der Wendepunkt Jede erfundene Handlung bedarf mindestens eines Wendepunkts, denn ohne ihn wäre die ganze Geschichte langweilig. Ein armes Waisenkind wird plötzlich aller Sorgen ledig. Ein notorischer Krimineller fasst den Entschluss, sich endlich auf die rechte Bahn zu begeben. Ein ungetreuer Ehemann sieht ein, dass er seine Frau doch mehr liebt als alle andern. Wir alle müssen Entscheidungen treffen, die unser Leben ändern. Der Schriftsteller muss dies bei seinen Figuren weitaus häufiger tun: Sie können „aus der Rolle fallen“, wann immer er es für angebracht hält.
Wenn ein Mensch von einer großen Aufregung, einem schweren Verlust oder einer argen Enttäuschung betroffen wird, fällt er eine Entscheidung, die oft den bisherigen Verlauf seines Daseins verändert. Eine derartige Entscheidung wird fast immer dann gefällt, wenn er sich auf einem niedrigen Emotionsniveau befindet (zwangsläufig bedingt durch das Erlebnis). In diesem Zustand ist er kaum jemals in der Lage, seine Situation so sachlich zu überschauen, wie dies in oberen Stimmungsbereichen möglich wäre. Jede Entscheidung, die unter derartigen Umständen getroffen wird, ist von emotionell „tiefem“ Niveau. Während solcher Depressionen finden manche Leute, dass es sich nicht lohne, seinen Mitmenschen allzu viel Zuneigung zu schenken. („Ich werde nie wieder jemanden lieben können.“) Auch das Vertrauen lässt nach. („Du kannst ja doch keinem glauben.“) Man legt weniger Wert auf den Umgang mit andern. („Ich werde mir den Mund nicht noch einmal verbrennen.“) In derartigen Momenten werden Kurzschlusshandlungen vollzogen: Man verlässt die Schule, zieht in eine andere Stadt, betrinkt sich maßlos, will künftig keiner Frau mehr über den Weg trauen, will nie wieder die Wahrheit sagen oder jemandem behilflich sein. Nehmen wir an, der eiskalte Killer (auf Stufe „Gefühllosigkeit“) zielt auf einen Polizisten, verletzt aber statt seiner ein kleines Mädchen. Sogleich wird er von Gewissensbissen gequält und versucht nun, das Kind und dessen Eltern mit Geschenken und Geld zu überschütten. Vielleicht hält ihn die „Gesellschaft“ jetzt für einen im Grunde doch „guten“ Menschen. Ein Schriftsteller, der dieses Motiv verwendet, sollte jedoch wissen, dass sich der Gangster lediglich auf die Stufe „Wiedergutmachung“ zurückgezogen hat. Das heißt: Er wird nach diesem Intermezzo weiterhin labil und schwach bleiben. Will ein Autor eine Romanfigur zu einem „ordentlichen“ Menschen werden lassen, dann muss er die äußeren Umstände so gestalten, dass der Mann die Möglichkeit findet, auf der Skala zu steigen. Nach einem Vortrag in Kalifornien kam ein junger Dramatiker zu mir und erklärte: „Ich habe erst kürzlich von der Emotionsskala gehört. Zurzeit arbeite ich an einem neuen Stück, das beinahe fertig ist. Jetzt, nachdem ich Sie angehört habe, stelle ich ja fest, dass meine Heidin ein „Traurigkeits“Typ ist. Ich möchte aber nicht, dass sie am Schluss noch immer auf dieser Stufe ist. Um ihre Empfindungswelt zu ändern, müsste ich jedoch fast jede Szene umschreiben. Gibt es denn kein glaubwürdiges Mittel, ihr Niveau zu heben?“ „Doch“, entgegnete ich. „Führen Sie irgendeinen Wendepunkt herbei, der auf etwas Positivem fußt. Vermeiden Sie also das Negative. Geben Sie der Person die Chance, etwas zu erreichen, wonach sie strebt. Vielleicht können Sie die Sache so drehen, dass sie beispielsweise jemanden verlässt, der sie unterdrückt.“ Ein Mensch am unteren Ende der Skala kann oft schon durch einen geringfügigen Erfolg geradezu aufwärts „schnellen“. Einer Hausfrau gelingt ein Kuchen besonders gut. Ein Mann bringt seinen sonst immer widerspenstigen Automotor sogleich zum Anspringen. Ich schlug diesem Dramatiker außerdem vor, er möge seine Person langsam die einzelnen Gefühlsbereiche nach oben durchziehen lassen. „Sie könnte etwa plötzlich mehr Interesse für ihre Mitmenschen an den Tag legen. Dadurch würde sie mehr Lebensmut gewinnen und eine größere Bereitschaft, allen Hindernissen zu trotzen. Je schöner die Erfolge sind, die Sie ihr zugestehen, umso höher steigt sie naturgemäß. Das wird jedermann einleuchten.“ Seine Miene hellte sich auf, und er beschloss, meinem Rat zu folgen. Selbsterkenntnisse Will ein Schriftsteller einen ausgesprochen bösartigen Menschen darstellen, der nach einem ungewöhnlich harten Verlust fortan „nett“ sein möchte, dann muss er bedenken, dass dieser Entschluss ja in einer „Traurigkeits“Phase gefasst wird. („Ich muss ein anderer Mensch werden. Ich füge andern zu viel Leid zu.“) Ein Autor, der eine Person partout mit einem „goldenen Herzen“ ausstaffieren will, sollte sich vor Augen halten, dass dieses Herz auf den Ebenen Gunst „vergoldet“ wird. Soll eine Romanfigur von selber „erkennen“, dass sie bislang feig oder faul war und sich nun zu einem „edlen“ Menschen läutern möchte, dann muss sich der Verfasser einen gangbaren Weg einfallen lassen, der in die Höhe führt. Und dies muss geschehen, ehe die Gestalt sich an die Verwirklichung des Vorsatzes macht. Solange jemand auf niedrigem Emotionsniveau verweilt, ist er nämlich gar nicht imstande, die Wahrheit über sich selber einzusehen. Am unteren Ende der Skala sind so genannte Erkenntnisse meist nichts anderes als holder Trug. Klettert ein gefühlsmäßig „tiefer“ Mensch wieder nach oben, dann muss er auch den „Zorn“Bereich durchwandern, was ein ganz natürlicher Wendepunkt ist. Auf dieser Stufe wird der frühere „Feigling“ sagen: „Mir reicht dieses ewige Plärren. Ich habe die Nase voll. Von jetzt an werde ich auf den Tisch hauen. An mir sollen sich die andern nicht mehr ihre dreckigen Schuhe abwischen.“ Ist er erst einmal in der Lage, überhaupt zornig zu werden, sieht er auch die Möglichkeit, noch höher zu steigen. „Zorn“ ist jene Ebene, auf der es zum entscheidenden Kampf kommt: zur direkten Konfrontation. Ein Schriftsteller, der eine Person nach „oben“ bringen will, darf den „Zorn“Bereich nicht übergehen. Dies entspräche nicht der Wirklichkeit. Zuweilen lesen wir wahre Begebenheiten über Menschen, die nach schlimmen Erfahrungen plötzlich den „Augenblick des Erwachens“ erleben. Dergleichen kann einem emotionell hochstehenden Menschen widerfahren, der durch einen schweren Rückschlag niedergeworfen, gleichzeitig aber auch bereichert wird. Die Folge: Er gelangt über kurz oder lang wieder nach oben.
Ein Beispiel: Ein „konservativer“ Mann kommt bei einem Autounfall fast ums Leben. Während seiner langen Genesungszeit fühlt er sich so schwach und hilflos, dass er an Selbstmord denkt. Schließlich – nach qualvollen inneren Kämpfen – kann er sich jedoch an ein Hoffnungsfädchen klammern. Allmählich kehren die Kräfte zurück, die es ihm ermöglichen, wieder auf der Skala zu steigen. Nach einiger Zeit ist sein Emotionsniveau höher denn je. Er freut sich des Lebens, denn er war jener Schwelle nah, von der es keine Umkehr gibt. Wenn er ein hübsches Mädchen trifft, küsst er es. Wenn beim Aufwachen die Sonne scheint, ist der junge Tag einfach herrlich für ihn. Regnet es jedoch, dann findet er den Tag auch herrlich. Er hat auf seinem Krankenlager viele Hemmungen abgestreift, die sein Alltagsleben früher wie in ein Korsett eingepresst hatten. Jetzt empfindet er ein tieferes Vergnügen als vor seinem Unfall. Er weiß nun, wie schön das Leben sein kann. Viele andere indessen, die gleichfalls eines Tages ihren „Augenblick des Erwachens“ durchmachten, haben lediglich bei einer philosophischen „Apathie“ Zuflucht gefunden. Entscheidend ist bei derartigen Erlebnissen die Frage: Was hat der Mensch nach seinem „Umschwung“ getan? Ist er aktiver geworden, oder ergibt er sich tiefsinnigen Grübeleien über die Bedeutung eines Grashalms? Wenn sich ein Mensch von jetzt auf nachher für eine mystische, okkulte oder symbolische Deutung aller Dinge interessiert, liegt der Schluss nahe, dass sein Ehrgeiz irgendwie Schaden genommen hat. Er ist ohne Aufhebens in den stillen Bereich der Apathie abgeglitten. Nun erklärt er alles und jedes durch Sterne, Zahlen und Sinnbilder, die auf geheimnisvolle Weise vorherbestimmt seien und die er nicht beeinflussen könne. Das Milieu des Künstlers Wahre Schöpferkraft kann sich nicht entfalten, wenn das Milieu sie beengt. Der Künstler muss sich seine Umgebung sorgfältig aussuchen, wenn er nicht in seinem Schaffen behindert werden will. Je größer der Erfolg eines Künstlers ist, umso mehr gefühlsmäßig tiefstehende Leute hängen sich wie die Kletten an ihn. In dieser Lage ist falsche Rücksichtnahme verderblich. Der schöpferische Mensch braucht einen klaren Kopf und eine ruhige Umgebung. Wer seine Träume Menschen anvertraut, die einer niedrigen Gefühlswelt verhaftet sind, wird bald die traurige Erfahrung machen müssen, dass sie von jenen Kreaturen vernichtet werden. Sehen Sie sich doch einmal in Ihrem Freundes und Bekanntenkreis um: Wie viele faseln immerzu von Geschichten oder Liedern, die sie vor Jahren oder Jahrzehnten schon schreiben wollten, nur „kamen sie halt nie dazu“, sie zu schreiben, denn sie haben sich Leuten angeschlossen, die unterhalb der Stufe Langeweile behaust sind. Sie haben längst aufgegeben...
Die Kritiker
Man ist gut beraten, wenn man sich in einem Winkel verkriecht und dort seine eigene Arbeit bewundert, anstatt sie einem Menschen zur Kritik anzuvertrauen, der zur Kritik außerstande ist. Die schöpferische Kraft ist in vielen Fällen sehrverwundbar, und ein junger Künstler wird häufig entmutigt, falls seine ersten Bemühungen sogleich einer erbarmungslosen Kritik ausgesetzt werden. Ein bekannter Autor zeigte einst einem Freund ein noch unvollendetes Manuskript. Der Freund äußerte sich kritisch, worauf der Autor seine Arbeit in die Schublade legte. Erst nach einem Jahr, als er sich von dem vernichtenden Urteil erholt hatte, war er imstande, das Buch zu beenden. Es wurde ein Bestseller. Sie mögen einen in der Öffentlichkeit angesehenen Kritiker wählen, den alle Welt schätzt, und dennoch die schlimmsten Erfahrungen mit ihm machen. Interessieren Sie sich vernünftigerweise zunächst einmal für sein Emotionsniveau. Er mag auf seinem Gebiet durchaus beschlagen sein. Gehört er jedoch einem niedrigen Gefühlsbereich an, wird seine Kritik unweigerlich negativ ausfallen was Ihnen und Ihrer Arbeitskraft sehr schaden kann. Unterhalb der Stufe Langeweile ist eine konstruktive Kritik nicht mehr möglich. Während mehrerer Jahre lernte ich eine ganze Reihe von Sprachwissenschaftlern kennen. Auf der Hochschule hatte ich es mit einer Lehrerin zu tun, die zu den „Gelangweilten“ zählte. Ihre Kritik beschränkte sich auf die Korrektur von grammatikalischen Fehlern. Sie vermochte ein Talent weder zu ermutigen noch zu entmutigen. Demnach war sie recht harmlos, freilich aber auch alles andere als eine vorbildliche Lehrerin. Später begegnete ich einem Dozenten, der in einem Kursus über Aufsatzlehre gern philosophische Themen aufgriff. Der Mann war ein „Antagonist“. Er warf der Klasse Bälle zu. Es kam zu hitzigen Debatten. Das war zwar recht unterhaltend. Über das Handwerk des Schreibens erfuhren wir indessen nichts. Dann geriet ich an einen Professor, den man als „Mitleid“Bündel bezeichnen konnte. Er brachte soviel Verständnis für die Zerbrechlichkeit der künstlerischen Natur auf, dass er nie auch nur ein Sterbenswörtchen hören ließ, das kritisch oder konstruktiv gewesen wäre. Er stellte uns nicht einmal Aufgaben. Sein Unterricht war völlig „frei“. Also auch frei von Hilfe. Der Lehrer, der uns am meisten schadete, war ein Feindselligerer. Seine Spezialität bestand darin, das Vertrauen seiner Schüler zu untergraben. Hatte man eine Frage oder wollte man einen Rat, dann erwiderte er kurzangebunden: „Wenn Sie etwas über Gleichnisse erfahren wollen, müssen Sie Georgia Portly Lament lesen.“ In einem fort berief er sich auf irgendwelche Bücher, die keiner von uns kannte und die auch nirgendwo zu bekommen waren. Seine Kritik war stets nichtssagend und verallgemei
nernd. Wir waren unglücklich und unzufrieden. Gelernt hat niemand etwas von diesem „Pädagogen“. Schließlich fand ich einen Lehrer mit hohem Emotionsniveau, und nun lief alles ganz anders. Ihm lag nichts daran, die Schüler zu verletzen und zu entmutigen: Im Gegenteil: Er lobte sie so oft wie möglich. Freilich durfte er sich auch Kritik erlauben, denn er verstand sein Metier bis ins Kleinste. Im Unterschied zu allen andern meiner bisherigen Lehrer übte er spezifische Kritik. Nie kamen Gemeinplätze über seine Lippen. Diese Kritik verletzt nicht, denn der Betroffene (in unserem Fall der Künstler) weiß sofort, was gemeint ist und folgt augenblicklich dem Gedankengang des Lehrers. Er lernt etwas hinzu. Zusammenfassung Suchen Sie sich Ihre Kunstgattung, Ihr Milieu, Ihre Kritiker an hand ihres Emotionsniveaus aus. Wer in den unteren .Bereichen verweilt, kann Ihnen nicht von Nutzen sein. Alles spricht dafür, dass ein Künstler auf möglichst hoher Gefühlsstufe leben sollte. Von dort aus ist er nämlich in der Lage, viele Menschen dank seiner Ästhetik auf der Skala anzuheben.
Manche Leute sind freilich so unbeweglich, dass sie sich bestenfalls einen Schritt von ihrer üblichen Empfindungsebene zu entfernen vermögen. Zum Glück kommt das nicht allzu oft vor. Apathie Liegt jemand tief apathisch im Bett (sei er nun krank, oder leide er an einem Schock), dann kommen Sie mit Worten allein nicht weiter. Um ihn zu „erreichen“, ist der körperliche Kontakt nötig. Berühren Sie ihn an der Schulter, oder ergreifen Sie seine Hand. Diese Ihre Hand ist für ihn ungleich „realer“ als tausend Gedanken, die Sie mit ihm teilen. Reagiert er nach einer Weile, dann lenken Sie seine Aufmerksamkeit auf Gegenstände im Zimmer. Deuten Sie auf ein Bild oder eine Blumenvase. Lassen Sie ihn den Bettbezug anfassen. All dies hilft ihm, ein wenig auf der Skala zu steigen. Es ist zwecklos, ihn in Gedankengänge zu verstricken. Machen Sie ihm bewusst, dass er überhaupt „da“ ist. Meist ist es schwer, dem „Apathie“Menschen nahe zu kommen (vor allem dann, wenn er behauptet, alles sei in bester Ordnung). Der erwähnte körperliche Kontakt und der Hinweis auf seine Umgebung sind nützlich. Ich selbst gehe zuweilen noch weiter, indem ich über den zerstörten Traum spreche, der den Abwesenden in Apathie versetzt hat. Finden Sie auf diesem Wege Zugang zu ihm, müssen Sie allerdings mit Tränenausbrüchen rechnen, denn dieser Mensch kämpft ja gegen seine Traurigkeit, gegen seinen Gram, an. Gelingt es ihm, diese Last abzuwerfen, wird er sich allmählich wieder aufwärts bewegen können. Ich kenne einen jungen Mann, der ein apathisches Mädchen dadurch aus seiner Apathie weckte, dass er über den zu erwartenden Tod sprach. Augenblicklich reagierte das Mädchen darauf: Diese Frage war für sie „real“. Nachdem er ein wenig Hoffnung verheißen hatte, hüpfte das Mädchen sogleich auf die Stufe „Wiedergutmachung“ und erkundigte sich eifrig: „Was soll ich denn machen?“ Und wenig später flossen die Tränen. Merkwürdig war, dass Beobachter dieser Szene die Methode des jungen Mannes bestürzend fanden: Das Mädchen sei doch „aufgeregt“ worden. In Wahrheit hatte der Mann das Vernünftigste in dieser Situation getan: Es war ihm gelungen, das Mädchen zu veranlassen, sich mit ihrem eigenen Zustand auseinanderzusetzen. Es dauerte nicht lange, und das junge Geschöpf konnte sich wieder nützlich machen. Traurigkeit Die meisten Leute ziehen sich instinktiv auf die Stufen „Gunstbemühung“ oder „Mitleid“ zurück, wenn sie mit einem Menschen des Gefühlsbereichs „Traurigkeit“ in Berührung kommen. Bei Todesfällen schicken wir Blumen oder tun sonst etwas „Nettes“ für die Hinterbliebenen.
Diese Gesten (mögen sie auch konventionell sein) sind natürlich, und der im Gram eingeschlossene Mensch versteht sie. Hilfe, die höheren Gefühlen entspringt, würde er wohl nicht begreifen. (Erzählen Sie einem „traurigen“ Menschen nur ja nicht, dass alles zum „Besten bestellt“ sei: Dieser gut gemeinte Hinweis würde ihn apathisch machen.) Wie Leute auf dieser Emotionsstufe reagieren, zeigt deutlich ein Vorfall, der sich in einer Trinkerheilanstalt ereignete. Ein Mann, der sich von seiner Sucht ziemlich befreit hatte, meinte: „Es ist wirklich ein Jammer, dass man nicht einen einzigen echten Freund auf Erden hat.“ Darauf bemerkte ein anderer, es sei doch einfach töricht, einen derartigen Menschen überhaupt zu suchen. Nun, dieser Mann war absolut apathisch. Eine Diskussion schloss sich an. Manche sagten, es sei vielleicht doch möglich, einen Freund zu finden. Die meisten hingegen waren der Ansicht, ein solches Unterfangen sei von vornherein aussichtslos. Ein Psychologe wollte nun wissen, was die Leute denn unter einem „echten Freund“ eigentlich verstünden. Nach kurzer Überlegung definierten die Männer ihre Einstellung so: „Ein echter Freund ist ein Mensch, der sein letztes Hemd hergibt.“ So also denken „apathische“ und „traurige“ Menschen: Was sie für Freundschaft halten, liegt nur wenig höher als ihr eigener Gefühlsbereich – die Gunstbemühung nämlich. Wenn Sie sich mit einem Menschen unterhalten wollen, der „ganz unten“ angelangt ist, bleibt Ihnen keine andere Wahl, als sich selber dorthin zu begeben. Sie müssen zunächst etwas tun, um ihm nahe zu kommen. Hinterher können Sie ihm Ihr Mitleid angedeihen lassen. Und zwar so lange, bis er dessen überdrüssig wird. („Ach, du armer Kerl! Wie hältst du das bloß aus? Ich kann gar nicht begreifen, dass du nicht schon längst den Schwanz eingezogen hast.“) Aus diesen mitfühlenden Worten wird er schließen, dass Sie Verständnis für ihn haben. Wahrscheinlich wird er schon bald darauf erklären: „So schlimm ist das Ganze wiederum auch nicht.“ Nun liegt es bei Ihnen, diesen Menschen auf jene Stufe der Skala zu hieven, wo er bereit ist, wirkliche Hilfe zu akzeptieren. Selbstverständlich müssen Sie nicht immer so dick auftragen. Wesentlich ist jedoch dies: Sagen Sie ihm nicht, er habe gar keinen Anlass zur Trauer. Damit würden Sie gar nichts ausrichten. Die Folge wäre: Er würde glauben, Sie hätten keinen blassen Dunst von seinen Problemen. Gunstbemühung Freund Willy, der zu Gast bei der Familie Z. weilte, demolierte aus Versehen einen Stuhl. Wortreich entschuldigte er sich und bat, ihm die Rechnung zu schicken. „Nein, nein, das kommt überhaupt nicht in Frage“, wehrte die Gastgeberin ab. „Der Stuhl war sowieso nicht mehr viel wert. Wir hätten ihn längst reparieren müssen.“
„Das glaube ich nicht. Sie wollen nur mein schlechtes Gewissen beruhigen. Bitte, schicken Sie mir die Rechnung.“ Doch Frau Z. fiel es gar nicht ein, dies zu tun. Willy überreichte ihr einen Blankoscheck mit der dringenden Bitte, den Betrag einzuschreiben. Um endlich ihre Ruhe zu haben, tat sie dies auch – freilich nun ihrerseits mit schlechtem Gewissen. Wenn zwei Menschen, die sich um Gunst bemühen, aufeinander stoßen, kommt es allemal zu Schwierigkeiten. Selbst wenn Ihr Sinn für Gerechtigkeit darunter leidet, sollten Sie die Offerten derartiger Leute annehmen und sich höflich dafür bedanken. Andernfalls gerät der sich um Ihre Gunst Bemühende nämlich in eine fatale Lage. Mitleid Ich unterhielt mich einmal mit einer Frau, die chronisch auf der „Mitleid“Stufe verharrte. Sie wollte etwas gegen den Drogenmissbrauch unternehmen, denn die Süchtigen taten ihr leid. Allerdings besaß sie weder die dafür erforderliche Ausbildung, noch war sie imstande, wirkliche Hilfe zu leisten. (Ich ahnte schon, dass sie bei Ausführung ihres Vorhabens alsbald vor lauter „Traurigkeit“ zerfließen würde.) Ich warnte sie demnach recht energisch vor den möglichen Folgen eines solchen Unterfangens. Könne sie denn diese Probleme überhaupt bewältigen? War es gar nicht besser, vorsichtiger zu sein? Ich spielte also die „Furchtsame“. Zu meiner Erleichterung erwiderte die Frau: „Wissen Sie, eigentlich glaube ich ja auch, dass ich der Sache nicht gewachsen bin.“ Danach sprachen wir über die Leute dieses Rehabilitationskreises. Zum Teil waren sie für ihre Aufgabe nicht geschult. Endlich gelangte meine Gesprächspartnerin zu dem „antagonistischen“ Standpunkt: Sie meinte, es sei vernünftiger, sich zunächst einmal richtig ausbilden zu die lassen, damit sie auch wirklich helfen könne. Somit hatte viel sie einen wesentlich höheren Emotionsgrad erreicht: Sie war nicht mehr bereit, sich Hals über Kopf in ein Abenteuer zu stürzen, das doch zu nichts geführt hätte. Angst – Furcht Einem Menschen der Stufe 1,0 kann man nahe kommen, indem man die Unterhaltung auf allen nur erdenklichen mit Jammer bringt. Wenn Sie ihn ein wenig „liften“ wollen, müssen Sie irgendwelche heimtückischen Methoden andeuten, mit denen er sich einer Bedrohung erwehren könnte. Lebt er in der Angst, man wolle ihm sein Haus plündern, dann reden Sie tunlichst über Alarmanlagen, Fallen und verborgene Waffen. Dankbar wird er Ihnen beteuern, dass er diesem Ratschlag mit Freuden folgen werde, um die „Eindringlinge“ um die Ecke zu bringen.
Der "Apathie"er
Wenn Sie den Wunsch verspüren, dass Leute dieser Empfindungsebene Sie gern haben, müssen Sie auf sie eingehen. Das heißt: Schmeicheln sie ihnen. Schließlich spielen sie sich ja doch nur auf, um Ihnen zu imponieren, Genießen Sie also ihr Theater, und lassen Sie sie wissen, wie sehr es Sie erfreut. Gefühlsmäßig hochstehende Menschen geraten in Anwesenheit eines "Apathie"ers fast stets in Wut (besonders dann, wenn sie zu arbeiten haben). Auf diese Weise werden sie ihn vielleicht los. Ein "Feindselliger"er freilich, der flexibel ist, wird sich zur Wehr setzen, wenn Sie ihn zum Teufel schicken wollen. Ein chronischer "Apathie"er hingegen zieht sich schweigend zurück, denn er fürchtet den Zorn anderer. Ein Bekannter von mir namens Gregor litt unter den heimtückischen Attacken seines Geschäftspartners. Eines schönen Tages platzte ihm der Kragen, und er brüllte den andern an: „Warum bringen Sie mich nicht gleich um, damit Sie mich endlich loswerden?“ Der Kollege – auf der Ebene Apathie – lachte bloß und leugnete jede Schuld. Doch von Stund an unterließ er seine gehässigen Angriffe. Mit einemmal kam er mit seinem Partner recht gut aus. Gregor gelang es mit der Zeit, einen – wenn auch emotionell „tiefen“ Kontakt mit dem andern zu erreichen: Er hielt ihm dessen wahre Absichten vor Augen und beförderte ihn auf der Skala ein Stückchen in die Höhe. Gefühllosigkeit Da dieses Emotionsniveau zum "Feindselliger"Bereich gehört, kann man ihm mit dem „Zorn“ auf den Leib rücken. Statt ihn direkt anzugehen, können Sie versuchen, seinen Zorn auf einen Dritten zu leiten. Einer meiner Freunde, der üblicherweise emotionell weit oben rangiert, hatte sich geradezu in einen Hass auf einen Kollegen hineingesteigert. Die Folge war, dass er sich in ein verkrampftes Schweigen hüllte, was ja typisch ist für den 1 ,2er. Ich ergriff seine Partei und wetterte ebenfalls gegen seinen „Feind“. Das lockerte Ihn ein wenig, worauf ich in derselben Tonart fortfuhr. Gemeinsam schmiedeten wir Pläne, um den Unhold zu „zerschmettern“. Genüsslich malten wir uns eine grausame Rache aus. Doch bald schon langweilte ihn dieses alberne Gequassel, und nun dachten wir über diabolische und komische „Anschläge“ nach. Am Ende lachte mein Freund laut auf und meinte: „Zum Teufel! Was soll das Ganze eigentlich? Ich habe doch wahrhaftig wichtigere Dinge zu tun.“ Einen „zornigen“ Menschen können Sie nicht beruhigen oder beschwichtigen: Ein derartiger Versuch würde ihn noch mehr aufbringen. Wenn er wütend auf Sie ist, können Sie sich bewusst auf sein Emotionsniveau einzustellen versuchen: Sie müssen also auch einmal so richtig „loslegen“. Das wird er Ihnen hoch anrechnen.
Eine meiner Freundinnen zog jahrelang vor ihrem Mann – einem "Wut"er – den Kopf ein. Als er sie wieder einmal anbrüllte, da brüllte auch sie. Sogleich entbrannte ein hartnäckiger Kampf – zum ersten Mal in ihrer zwölfjährigen Ehe knallten sie einander alles um die Ohren, was sie in sich hineingefressen hatten. Als die Kombattanten ermattet zusammensackten, schauten sie sich aufs äußerste verdutzt in die Augen. Kurz danach lachten sie sich beinahe tot. Hin und wieder müssen Sie Zorn, der sich gegen Sie richtet, auf eine andere Person ablenken. Vor Jahren, als ich noch in der Immobilienbranche tätig war, rief mich ein Kunde an, der an seinem Zorn zu ersticken drohte. Ich hatte ihm ein Grundstück verkauft, und er wartete voller Ungeduld auf die Dokumente des Maklers. Mehrere Telefongespräche mit diesem Makler hatten zu nichts geführt. Jetzt ließ der Kunde seine Wut an mir aus. An irgendjemandem musste er sein Mütchen ja schließlich kühlen. Ich ließ ihn fünf Minuten lang toben. Als er heiser zu werden drohte, sagte ich gelassen: „Ich nehme Ihnen Ihre Wut nicht übel. Ich werde sofort feststellen, was da eigentlich los ist. Sie können sich darauf verlassen, dass ich denen Dampf machen werde. Spätestens morgen hören Sie von mir.“ Nun wirbelte ich meinerseits ein bisschen Staub auf und stellte fest, woran die Verzögerung lag. Als ich den Kunden am nächsten Tag anrief, waren die Papiere bereits auf dem Weg zu ihm. Der Mann reagierte auf eine zwar „antagonistische“, doch heitere Art und erklomm dadurch eine Sprosse auf der Skala. „Wissen Sie“, meinte er, „Sie gefallen mir. Endlich mal jemand, der sofort was unternimmt, an statt sich mit mir herumzustreiten.“ Geschäftlich gesehen, wirkte sich dieser Vorfall rentabel aus: Auf die Empfehlung dieses Mannes gewann ich drei neue Kunden. Antagonismus Alfons, ein leitender Angestellter, bediente sich der „Langeweile“Methoden, um einen „Antagonisten“ zu besänftigen. Ein Reporter rief ihn an und drohte: „Ich werde einen Artikel über Sie schreiben. Zurzeit stelle ich Ermittlungen über Ihre Leute an. Was sagen Sie zu der Anschuldigung, Ihre Firma sei. ..“ – „Na so was. Also immer noch die alte Geschichte?“ Alfons gab dem zudringlichen Burschen zu verstehen, dass er die ungehörige Frage als ganz und gar unwichtig erachtete. Dem Gähnen nahe plauderte er liebenswürdig über die Geschäftsinterna. Bald fing auch der Reporter an, sich zu langweilen. „Na schön“, meinte er abschließend „Wenn ich noch weitere Fragen haben sollte, werde ich mich wieder an Sie wenden.“ „Aber gern. Tun Sie das nur. Ich stehe Ihnen jederzeit mit Vergnügen zur Verfügung.“ Der angedrohte Artikel wurde nie geschrieben. Man kann sich des „Antagonismus“ auch so erwehren, dass man zunächst einmal auf das Niveau des Partners eingeht, sein Interesse dann aber auf ein anderes Ziel lenkt.
Einst kam ein mürrischer Klempner in meine Wohnung, um einen defekten Wasserhahn durch einen neuen zu ersetzen. Ich fragte ihn, ob er diesen neuen Hahn nicht vielleicht auf der gegenüberliegenden Seite des Beckens anbringen könne. Er brummte etwas vor sich hin und meinte dann, das mache zuviel Arbeit und koste obendrein viel Geld. Ich begriff, dass ich seinen „Antagonismus“ besser nicht auf mich richten sollte, und sagte nur: „Schon gut. Ich verstehe durchaus, was Sie meinen.“ Später bemerkte ich allerdings so nebenbei: „Ach, wissen Sie, diese Architekten heutzutage sind doch allesamt die reinsten Idioten. Sehen Sie sich das mal an: Auf der linken Seite planen sie den Wasserhahn ein und auf der rechten den Griff zum Aufdrehen. Und die Geschirrschränke sind dort drüben. Das muss doch ein Depp gemacht haben, der von Tuten und Blasen keine Ahnung hat.“ Der Mann war entzückt, über einen Stümper schimpfen zu können, und stimmte sogleich in meine Angriffe ein: Ganz recht, lauter Blödhämmel seien heute am Werk, denen von Rechts wegen längst das Handwerk gelegt werden müsste. Er steigerte sich derart in Rage, dass er am Ende den Hausbesitzer anrief, um sich über die schwachsinnigen Installateur zu beschweren. Der Hausbesitzer seinerseits war von diesem Ausbruch so betroffen, dass er dem Klempner auf der Stelle die Genehmigung erteilte, den Wasserhahn auf der andern Seite des Beckens anzubringen, wo ich ihn hatte haben wollen. So geht's also auch. Freilich kann man sich den „Antagonisten“ auch im offenen Kampf stellen. Einmal begegnete ich auf einer Party einem „feindseligen“ Rechtsanwalt, der bei Langeweile heimisch war. Ich bemühte mich, nett und freundlich mit ihm zu plaudern, worauf er verdrossen und grob reagierte. In einem fort musste er widersprechen, herausfordern oder mir ins Wort fallen. Ich ließ meine höflichen Manieren fallen und stellte mich auf seinen „Stil“ ein: „Na, Sie scheinen mir ja höchst streitsüchtig zu sein, wie?“ „Was soll das heißen? Ich bin ein friedliebender Mensch!“ „Das glauben Sie doch wohl selber nicht. Sie gehen keinem Händel aus dem Wege, nicht wahr?“ „Das ist ja lächerlich!“ „Keineswegs. Sie lassen ja keinen Menschen zu Wort kommen. Immerzu müssen Sie sofort das Gegenteil behaupten.“ „Das ist ja gar nicht wahr!“ protestierte er. „Sehen Sie – da haben wir's schon! Sie lassen mich nicht einen Satz aussprechen, ohne Ihr Veto einzulegen.“ „Nun mal sachte! Sie irren sich. Ich bin, wie gesagt, für gütliche Übereinkunft. An Krachmachen liegt mir gar nichts.“ „Diesen Bären können Sie vielleicht andern Leuten aufbinden, aber nicht mir. Sie würden sich doch zu Tode langweilen, wenn Sie einmal niemanden mehr fänden, an dem Sie herummeckern könnten.“ In dieser Tonart debattierten wir noch eine Zeitlang weiter. Mein Kontrahent wurde immer lebhafter und aufgeschlossener. Später meinte er gut gelaunt: „Soll ich Ihnen mal etwas erzählen? Sie sind ein prächtiges Frauenzimmer.“ „Merken Sie das erst jetzt?“ Wir mussten beide lachen, als er sagte: „Na, wir sind uns also einig.“
Der Verkäufer
Ein guter Verkäufer bedient sich instinktiv der Emotionsskala. Ein Kunde zeigt sich oft gleichgültig gegenüber seiner neuen Ware. (Schließlich ist er bis zum heutigen Tag ohne sie ausgekommen, und weshalb soll dies nicht auch in Zukunft so bleiben?). Wenn Sie sich jedoch auf sein Emotionsniveau einstellen und sein Interesse zu wecken vermögen, wächst auch Ihre Chance, ihm etwas zu verkaufen. Gehen Sie auf seine Liebhabereien ein – das wird ihn erfreuen. Ganz beiläufig können Sie ihn dann fragen, wie viele Wagenladungen Schrauben er denn heute benötige. Nichts wirkt auf Kollegen so entnervend und ansteckend wie das apathische Verhalten eines Verkäufers. Stellen wir uns vor, in einer Stadt hat ein lange währender Streik stattgefunden. Die Wirtschaftslage ist kritisch. Jedermann ist vorsichtig und wartet ab. Nur wenige Aufträge werden erteilt. Ihre Verkäufer überlegen sich bereits, ob sie nicht besser zur nächsten Straßenecke marschieren sollen, um mit Sammelbüchsen Almosen zu erbetteln. Wie können Sie Ihren Leuten moralischen Auftrieb geben? Leere Versprechungen machen die Situation nur noch schlimmer – hüten Sie sich also vor schönen Worten, hinter denen nichts steckt. Weit eher können Sie Ihre Belegschaft aufmuntern, wenn sie offen eingestehen, wie schlimm die Lage ist. Sagen Sie mit einem tiefen Seufzer etwa: „Na, das ist ja eine böse Bredouille. Als ich heute bei der Heilsarmee stand, um mein Süppchen in Empfang zu nehmen, konnte ich mit dem Präsidenten von General Motors sprechen...“ Versetzen Sie sich in die unangenehme Situation Ihrer in Leute. Sie können dabei ruhig ein wenig übertreiben. Wer übel dran ist, schätzt nichts mehr als das Wissen, dass auch andere übel dran sind. Sobald sie eingesehen haben, dass die Verhältnisse eben momentan schlecht sind, lassen sie ihren Gefühlen freien Lauf. Und das hilft ihnen, in bessere Stimmung zu kommen. Nun können Sie ein freundlicheres Bild der Zukunft malen. Die Argumente der andern Ich spreche absichtlich über die „bewusste“ Anpassung, In weil wir uns ohnehin ständig anpassen, wenn es uns auch nicht immer bewusst wird. Nicht selten fallen wir dabei herein. Lernen wir einen Menschen kennen, dann bemühen wir uns zunächst, so wie er zu empfinden. Zuweilen müssen wir an der Skala hinabklettern, um gemeinsame Interessen zu entdecken. Tun wir dies jedoch, ohne dessen gewahr zu werden, dann wird es gefährlich: Am Ende rutschen wir selber auf eine tiefere Empfindungsebene hinab. Wer einen Menschen bewundert (oder gar als überlegen ansieht), ist besonders gefährdet, falls dieser Mensch auf niedrigerem Emotionsniveau behaust ist. Unweigerlich wird er versuchen, uns auf seine Stufe hinabzuzerren. Angenommen, wir haben eine phantastische Idee, die ein Vermögen einbringen muss. Also eilen wir zu einem angesehenen Fachmann. Begeistert erzählen wir ihm, was uns vorschwebt. Der Mann zeigt sich jedoch gänzlich unbeeindruckt. Da wir nicht imstande sind, ihn zu begeistern, sinken wir automatisch auf der Skala ein Stück in die Tiefe. !n Schließlich sagen wir uns, dass wir immerhin einen Fachmann vor uns haben, und wenn der nicht zu beeindrucken ist, kann mit unserer grandiosen Idee etwas nicht stimmen. Es ist halt schwer, heutzutage mit neuen Ideen ein Vermögen zu machen – diese Einsicht dämmert uns allmählich. Außerdem holt das Finanzamt einem ja doch das Geld aus der Tasche. Deprimiert ziehen wir von dannen und wundern uns darüber, dass wir auf eine solch alberne Idee kommen konnten. Brav spazieren wir nach Hause und lösen ein Kreuzworträtsel. Wer sich mit Erfolg auf die Gefühlswelt eines andern Menschen einstellen will, muss zunächst einmal selbst oben auf der Skala verankert sein. Nur so vermeidet man das eigene Abgleiten. Und nur so bleibt man, wer man ist. Methoden des „Angriffs“ Leute am unteren Ende der Skala attackieren ihre Mitmenschen durch ihr Denken, ihr Gefühl und ihr Tun. Ein „apathischer“ Mensch, der sich seines Verstandes bedient, will uns einreden, dass alles sowieso sinnlos sei, dass wir eben Versager wären und dass wir keinerlei Aussichten auf eine anständige Beschäftigung hätten. Unser Leben hätten wir vergeudet. Wer sollte uns demnach schätzen? Wer mit Gefühlen arbeitet, kann unter Umständen in der Lage sein, uns schachmatt zu setzen. Von ihm geht soviel Deprimierendes aus, dass wir verzagen. Er braucht bloß dazusitzen, und wir merken auch schon, dass es weder für ihn noch für uns Chancen gibt. Die Welt ist ja auf alle Fälle dem Untergang preisgegeben. Die Melancholie, die von ihm ausgeht, wirkt lähmend. Ebenso zerstörerisch ist die Handlungsweise der „Apathie“Menschen. Ein absolut apathischer Mensch vermag seine Umgebung kaputtzumachen. Alles, woran wir hängen und was wir für lohnenswert halten, ist ihm gleichgültig. Sind Sie zu Ihrem Unglück mit einer derart apathischen Frau verheiratet, dann gnade Ihnen Gott. Sie wird Ihren Chef beleidigen, Ihren Wagen schrottreif fahren, Ihr Heim verkommen lassen und sich nicht mehr um Ihre Kinder kümmern. Kein Wunder, dass auch Sie selber dann auf die Stufe der Apathie absacken. (Freilich können Sie auch – sofern Sie noch soviel Energie besitzen – beim Scheidungsrichter landen.) Kurzer Prozess Falls alle Ihre Versuche fehlschlagen, mit einem emotionell „tiefstehenden“ Menschen fertig zu werden, und In wenn Sie schließlich gewissermaßen auf Ihrem Zahnfleisch gehen, dann sollten Sie kurzen Prozess machen und die betreffende Person davonjagen.
Sollen denn ausgerechnet Sie den Märtyrer spielen? Einen Gefallen tun Sie damit keinem Menschen.
Lachen Sie, und alle Welt lacht. Wenn Sie indessen weinen, haben Sie sehr bald einen „Mitleid“Menschen am Hals, der sich Ihrer in liebevoller Weise „annehmen“ will.

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