Musikbegriffe

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Ronald Schwab
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Musikbegriffe

Ungelesener Beitrag von Ronald Schwab » Mo 14. Sep 2020, 01:50

Aspekte des Musikbegriffs
In Geschichte und Gegenwart gab und gibt es verschiedene Ansätze zur Bestimmung von Musik. Die abendländische Kultur geht auf das griechische Wort „mousiké (téchne)“ = Musenkunst zurück. Die Griechen meinten damit die Einheit von Tanz, Wort und Ton-Kunst, also mehrere Künste. Der gemeinsame Nenner ist „Rhythmus“, die geordnete Bewegung.
Als Ursprung oder Erklärungsansätze wurden auch das musische und das pythagoreische Prinzip vertreten. Hierbei wurde der Ton entweder als Empfindungslaut oder als Naturgesetz (bewiesen durch das vermeintlich von PYTHAGORAS erfundene Monochord) charakterisiert. Im europäischen Mittelalter wurde Musik biblisch gerechtfertigt. In späterer Zeit wurden die Affektenlehre und die Figurenlehre vertreten.
Musik gibt es heute in einer kaum mehr überschaubaren und unüberhörbaren Vielfalt: indische und italienische Musik, „House“ und „Garage“, Sonate und Song, Oper und Diskothek, Musik zum Einkaufen und zum Einschlafen, zum Tanzen und Trauern. In allen Gesellschaften und zu allen Zeiten wurde musiziert, gab es Instrumente, Institutionen und verschiedene Zwecksetzungen. Dennoch kennen manche Kulturen bzw. Sprachen keinen Allgemeinbegriff von Musik. In der abendländischen Kultur gehen die Akzentsetzungen bei der Bestimmung von Musik bis heute auseinander.
Allgemeine Musikdefinition
Als eine allgemeine Musikdefinition für die nach Gestalt, Gebrauchsweisen, Wirkungen und Zwecken der verschiedenartigen Musiken aller Epochen und Kulturen kann gelten:
Musik ist die menschliche Kommunikationsform bzw. Kunstart, die in gestaltetem klanglichem Material vollzogen wird und als eine spezifische „Sprache“ Reize und Gefühle, gedankliche Bedeutungen und Sinn vermittelt. Musik ist somit „Tonkunst“, „Zeitkunst“ und „ausübende“ Kunst“.
Neben dieser Definition kann Musik auch in einer Formel gefasst werden, die einer klassischen Formulierung des deutschen idealistischen Philosophen GEORG WILHELM FRIEDRICH HEGEL (1770–1831) folgt:
„Musik ist „kadenzierte Interjektion“ (Ästhetik, Band II, Teil 3, Kapitel 2).
Diese Musikformel verweist auf den Gegensatz, aber auch auf das grundlegende In- und Miteinander von „Natur“ und „Geist“, von Physisch-Psychischem und Historisch-Sozialem. „Interjektion“ steht dabei für das Körperliche, Natürliche. „Kadenzierung“ steht für Kunst – in der Musik ist damit z.B. der Quintfall von der V. zur I. Stufe gemeint.
Ursprungsbegriffe von Musik
Unser Wort Musik geht auf das griechische Wort „mousiké (téchne)“ = Musenkunst zurück. Die Griechen meinten damit eine vorrangig den Geist und das Gemüt bildende Betätigung. „Mousiké“ bezeichnete die Einheit von Tanz, Wort und Ton-Kunst – also mehrere Künste. Der gemeinsame Nenner ist „Rhythmus“: geordnete Bewegung.
Nach dem Mythos ist die Musik ein Geschenk Apolls und der Musen an den Menschen, der durch sie zu musischem Werk befähigt wird. Es gibt aber auch die Legende, dass der griechische Philosoph PYTHAGORAS (um 570 v.Chr. bis um 500 v.Chr.) durch theoretische Erkundung des Klingenden die Musik erfunden hat.
Das musische und das pythagoreische Prinzip bestimmen in ihrem Zusammenwirken die abendländische Idee der Musik. Sie verhalten sich zueinander wie der Ton als Empfindungslaut (der ein Inneres kundtut) und der Ton als Naturgesetz (bewiesen durch das Monochord, das vermeintlich von PYTHAGORAS erfundene Instrument; anhand dessen wurden Tonabstände bzw. Tonhöhe und Saitenlänge deutlich gemacht).
Im europäischen Mittelalter wurde Musik biblisch gerechtfertigt. Demnach leitet sich Musik vom ägyptischen Wort „moys“ = Wasser als Lebensspender oder vom Lateinischen „Moyses“ = MOSES als Lobsänger Gottes ab. Außerdem gab es unter anderem auch die Legende, dass Musik erfunden wurde durch die biblischen Erzväter THUBAL und THUBALKAIN.
Antike und christliche Sinngebung kennzeichneten die Entwicklung der Musik mit ihren zahlreich entstandenen Musizierformen, Institutionen und Zwecksetzungen bis zur Neuzeit. In dieser trat die emotionale Seite der Musik stärker in den Vordergrund. Es bildete sich die musikalische Affektenlehre heraus, die zur Figurenlehre ausgebaut und systematisiert wurde. Die Affektenlehre knüpfte an die Vorstellungen der Antike – im besonderen PLATON (427 v.Chr. – 348/47 v.Chr.) an, wonach Musik solche Affekte, wie Gemütsbewegungen oder Leidenschaften darstellen und auch hervorrufen kann. Die Figurenlehre, die melodische oder harmonische Wendungen als Mittel der Textausdeutung anwendete, war typisch in der Barockmusik.
JEAN-JACQUES ROUSSEAU (1712–1778), JOHANN GOTTFRIED HERDER (1744–1803), FRIEDRICH MELCHIOR GRIMM (1723–1807) und andere führten die Entstehung der Musik auf die Entwicklung der Sprache zurück. Der Naturwissenschaftler CHARLES DARWIN (1809–82) stellte sie in einen Zusammenhang mit der Nachahmung von Tierlauten, aber auch aus dem Wechselspiel von Rhythmus und Arbeit wurde die Entstehung von Musik erklärt.
Neben dem deutschen Wort „músic“ setzte sich seit dem 17. Jh. unter Einfluss des französischen „musique“ die Betonung auf der letzten Silbe durch. Dieser Betonungswechsel markierte den endgültigen Durchbruch der neuzeitlichen Grundauffassung der Musik als für das Ohr bestimmte Zeitkunst. Die Musik wurde nun auch Gegenstand der Akustik, der Tonpsychologie (19. Jh.) und der Musikpsychologie (20. Jh.). Ihre künstlerische Seins- und Wirkungsweise wurde Gegenstand der Ästhetik.
Mimetische Zeremonie
Musik ist keine reine Ton- oder Klang-Kunst. Ein musikalisches Kunstwerk ist kein Hör-Spiel. Im lebendigen Musizieren und seiner Wahrnehmung sind immer mindestens die beiden Fernsinne Hören und Sehen beteiligt. Musik hat also mit den menschlichen Sinnen, mit der Sinnenwelt, mit Sinnlichkeit und Sinn zu tun.
Zugleich ist Musik ein Entstehungsort der Kunst. Sie vollzieht sich im Wechselspiel der Kunstprinzipien Mimesis, Poiesis, Katharsis – also Darstellen, Herstellen, Bewirken. Die Welt wird dargestellt und umgebildet. Beispiele können eine Opernaufführung, die Bühnenshow eines Rock-Konzerts, eine feierliche Messe, ein Faschings- bzw. Karnevalsumzug, ein Fußballspiel, einen Abend in einer Diskothek oder ein stammeskulturelles Fest sein. Das soll im Modell einer mimetischen Zeremonie erfasst und dargestellt werden.
Die mimetische Zeremonie umfasst alle Sinnesgebiete: Hören und Sehen, den Tastsinn (z.B. Anfassen bei gemeinsamer musikalisch-tänzerischer Betätigung Distanz überwindendem Beifall), den Gleichgewichtssinn (bei Tanz und Pantomime), den Geruchssinn (Schminke, Rauch, Weihrauch), den Geschmackssinn (das Heilige Abendmahl, das Festessen) und den Schmerzsinn (z.B. bei Initiationsriten).
Die mimetische Zeremonie dient der Selbstverständigung einer sozialen Gruppe, einer Kultur oder einer Gesellschaft über sich selbst – wie etwa bei großen Festen (z.B. am Unabhängigkeitstag in den USA oder am 1. Mai in aller Welt). Aber sie dient auch der Bildung, der Unterhaltung, schlicht dem Vergnügen. So lautete der Wahlspruch der Leipziger Gewandhauskonzertes: „res severa verum gaudium“. (Das heisst etwa: Eine ernsthafte Sache ist ein wahres Vergnügen.)
Die fünf Hauptelemente der mimetischen Zeremonie sind
Musik,
Wortsprache (als vokale und instrumentale),
körperlich-gestische Aktion (z.B. Pantomime als stilisierte Gebärdensprache oder Tanz),
bildkünstlerisch-architektonische Darstellung (alle bildkünstlerischen Elemente – von der Schminke oder Körperbemalung bis zur Raum- und Bühnenausstattung),
Handlung (als organisierendes Zentrum und Grundlage des Ganzen).
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